Zur Geschichte des vij in Württemberg

Gründungsdaten

1882 fand die Gründung des deutschen Nationalbüros als „Deutscher Verein der Freundinnen junger Mädchen“ statt. Die Vereinstätigkeit ist seit 1882 in Württemberg durch Publikationen nachgewiesen. Das sieben Länder umfassende Frauennetzwerk „Union Internationale des Amies des la jeune Filles“ wurde 1877 in Genf durch 32 Frauen gegründet. Am 10. Mai 1940 wird auf Grund einer Verfügung des Chefs der Polizei der Deutsche Verband der Freundinnen junger Mädchen e.V. aufgelöst.

1947 erneute Gründung des Vereins unter dem Namen "Württ. Landesverein der Freundinnen junger Mädchen",  Geschäftsstelle Stuttgart N  - Büchsenstr. 37 b. Die Satzung des Vereins wird am 26. April 1947 in das Vereinsregister der Stadt Stuttgart eingetragen. 

Gründungsanlass: Arbeitsmigration von Frauen, Netzwerk gegen Menschenhandel

Der Verein für internationale Jugendarbeit e.V. ist aus der ersten Frauenbewegung hervorgegangen. Ziel des 1877 in Genf von Josephine Buttler gegründeten internationalen Frauennetzwerkes war es, Menschenhandel und Zwangsprostitution entgegen zu wirken. Denn viele junge Frauen, die im Zuge der Industrialisierung als Dienstbotin Arbeit suchend vom Land in die Stadt kamen, landeten ungewollt in der Prostitution.

Um die jungen Frauen auf ihrem Weg zu einer seriösen Arbeitsstelle schützen und begleiten zu können, richtete der Verein in den größeren europäischen Städten Wohnheime ein (fünf davon existieren noch heute). Aus dem Abholdienst der jungen Frauen vom Bahnhof entstand 1897 die Bahnhofsmission.

Waren die Gründerinnen 1882 noch der Überzeugung, dass Prostitution abgeschafft werden könne ebenso wie die von ihnen beklagte Doppelmoral in der Gesellschaft – Ehemännern wird der Besuch im Bordell zugestanden, Ehefrauen verfügen über keinerlei sexuelle Selbstbestimmung – hat sich der gesellschaftliche Diskurs heute verlagert.

Mit der zweiten Frauenbewegung in 1970er Jahren (1970 fand übrigens auch die Namensänderung des Vereins statt) haben sich Frauen sexuelle Selbstbestimmung, aber auch politische Mitbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe erkämpft. Die daraus entstehenden Chancen allen Frauen zu erschließen ist noch heute eine Herausforderung, für die sich der Verein für internationale Jugendarbeit im Rahmen seiner Möglichkeiten durch Beratungs- und Bildungsangebote einsetzt.

Durch die Legalisierung der Prostitution hat sich auf den ersten Blick zwar die Situation der Sexarbeiterinnen verbessert, aber auch Menschenhändlern Tür und Tor für sexuelle Ausbeutung geöffnet. Die Öffnung der innereuropäischen Grenzen ermöglicht Zuhältern, die Dienste von Zwangsprostituierten zu Dumpingpreisen in sogenannten Flatrate-Bordellen („so oft du willst“) anzubieten. Das Risiko der Strafverfolgung ist für sie gering. Nur wenn die Ausgebeuteten die Zuhälter anzeigen und gegen sie vor Gericht aussagen, können Polizei und Justiz eingreifen.

Erfolge und Weiterentwicklungen: Frauenintegrationskurse und FIZ

Als ein roter Faden zieht sich durch die Vereinsgeschichte die zeitnahe und pragmatische Unterstützung von Frauen auf der Suche nach Arbeit und Perspektiven.

So kamen in den 50er- und 60er-Jahren zahlreiche Gastarbeiter durch die Anwerbeabkommen mit südeuropäischen Ländern nach Baden Württemberg. Gastarbeiterinnen waren eher rar und kamen zunächst nur aus Griechenland. In Stuttgart arbeiteten sie in Konservenfabriken und als Reinigungskräfte in Krankenhäusern. Sie fühlten sich einsam und hatten Heimweh – und fanden sehr bald einen gemeinsamen Treffpunkt mit einer griechischen Sozialarbeiterin und einem orthodoxen Seelsorger in den Stuttgarter Vereinsräumen, der von der damaligen Vorsitzenden Ruth Braun organisiert und vorfinanziert wurde. Ihren guten kirchlichen und politischen Kontakten - später auch zur damaligen Sozialministerin Annemarie Griesinger - sind beachtliche Erfolge in der Sozialarbeit für Migrantinnen zu verdanken.

So organisierte sie in den 70er Jahren in Familienbildungsstätten Nähkurse für ausländische Frauen, die ihren Männern gefolgt waren, um diese aus ihrer Isolation herauszuholen. Niemand konnte damals ahnen, dass diese Kurse zu einer festen Einrichtung für Migrantinnen mit einer flächendeckenden Ausweitung auf das ganze Bundesgebiet werden sollten. Aus den anfänglich vier Kursen in Leonberg, Nürtingen und Reutlingen wurden unter der Regie des Vereins für internationale Jugendarbeit bis jetzt ca. 13.000 Kurse mit rund 150.000 Teilnehmerinnen, verteilt auf das ganze Bundesgebiet - von Oldenburg bis Memmingen und Aachen bis Berlin. Die Kurse werden im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung durchgeführt und finanziert. Seit Anfang der neunziger Jahre wurden auch andere Wohlfahrtsorganisationen mit der Trägerschaft beauftragt. Seitdem werden in Deutschland insgesamt jährlich ca. 2000 Kurse für ca. 25.000 Migrantinnen organisiert.

Die ursprüngliche Zielgruppe der Kurse waren Frauen aus den ehemaligen Anwerbeländern: Italien, Spanien, Griechenland, Portugal, ehemaliges Jugoslawien, Türkei, Tunesien, Marokko. Seit 1998 können alle ausländischen Frauen teilnehmen, die einen auf Dauer angelegten Aufenthaltsstatus haben. Die Kursinhalte haben sich im Laufe der 25 Jahre stark verändert. Am Anfang ging es darum, über das Nähen als vertrauensbildende Maßnahme Zugang zu ausländischen Frauen zu finden. Es war wichtig, dass sie am Ende eines Kurstages ihrer Familie etwas vorzeigen konnten, was sie im Kurs hergestellt hatten. Sehr schnell wurden die Gespräche, die sich während des Kurses und in den Pausen entwickelten, viel wichtiger als das Nähen. Die meisten von ihnen hatten keinen Kontakt zu Deutschen. Sie lebten unter sich in ihren Familien, für die Außenkontakte wie Einkaufen, Behördengänge, Schulanmeldungen der Kinder waren die Ehemänner bzw. Väter zuständig. Bei eigenen Arztbesuchen übernahmen diese oder ihre Kinder die Begleitung und Übersetzung. In der Schule wurden die Kinder für ein Leben in einer Welt erzogen, zu der sie keinen Zugang hatten und deren „Spielregeln“ sie nicht kannten. Ihre Bilder über das Leben der Deutschen, ihre Kultur und Werte entnahmen sie der Werbung im deutschen Fernsehen. Für viele Frauen waren die Kursleiterinnen die ersten Deutschen, mit denen sie mehr als nur einen Kontakt im Vorübergehen hatten, die ihnen als Frauen und Mütter begegneten, sich für sie als Frau aus einem anderen Land mit einer anderen Kultur und Geschichte interessierten.

Sehr schnell weitete sich die Nachfrage nach Kursangeboten aus. Immer mehr Familienbildungsstätten, Frauengruppen, AusländerInneninitiativen und MigrantInnenorganisationen sahen und sehen darin eine Chance, gemeinsam mit ausländischen Frauen einen Zugang zum Leben in Deutschland zu erarbeiten, der ihnen dazu verhilft, eigenverantwortliche Entscheidungen für ein Leben in dieser Gesellschaft zu treffen. Dafür ist die Kenntnis der deutschen Sprache unerlässlich. Die Themen orientieren sich an den Bedürfnissen der Teilnehmerinnen und haben das Ziel der Integration in die deutsche Gesellschaft. Die Kursleiterinnen sind Deutsche oder Migrantinnen mit guten Deutschkenntnissen. Viele von ihnen sind ehemalige Kursteilnehmerinnen, die sich im Lauf der Zeit so gute Kenntnisse angeeignet haben, dass sie diese an die Teilnehmerinnen weitergeben.

In den 80er Jahren eröffnete sich mit dem Heiratsverhalten deutscher Männer ein weiteres Feld für die Beratung von Frauen: zahlreiche Heiratsmigrantinnen aus Thailand und Lateinamerika waren Einsamkeit, Beziehungsproblemen und teilweise auch ehelicher Gewalt ausgesetzt. Im Jahre 1987 übernahm der vij die Trägerschaft für das Fraueninformationszentrum FIZ und kehrte damit zu seinen Wurzeln zurück,  nämlich dem Schutz von Mädchen und jungen Frauen vor sexueller und wirtschaftlicher Ausbeutung.

Das FIZ ist eine Fachberatungsstelle für Migrantinnen aus Asien, Afrika, Lateinamerika sowie Mittel- und Osteuropa. Die Arbeitsschwerpunkte sind zum einen die psychosoziale Beratung und Begleitung von Frauen, die als Heiratsmigrantinnen nach Deutschland gekommen sind. Die zweite Zielgruppe sind  Frauen aus allen Herkunftsländern, die tatsächliche oder mögliche Opfer und Opferzeuginnen von Menschenhandel und Zwangsprostitution geworden sind.  Dazu gehört Krisenintervention,  Vor- und Nachbereitung von Gerichtsverfahren, Hilfen zur Entwicklung und Umsetzung einer selbstbestimmten Lebensplanung sowie Hilfen für Rückkehrerinnen in ihr Herkunftsland. Hierfür baut der vij momentan im Rahmen neuer Projekte ein Netzwerk in Osteuropa auf.

Ausblick

Neben Bildungsangeboten, Beratung und Begleitung für Migrantinnen wird die politische Lobbyarbeit auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene für diese bisher im öffentlichen Diskurs vernachlässigte Zielgruppe weiterhin ein wichtiger Schwerpunkt in der Arbeit des vij sein, beispielsweise durch Informationen über die Hintergründe von Frauenmigration und Menschenhandel, die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für diese Themen oder die Weitergabe von Erfahrungswissen an Behörden und Institutionen.

Für diese Arbeit ist ein starkes Frauennetzwerk in Baden-Württemberg nicht nur hilfreich, sondern unerlässlich. Migrantinnenorganisationen in dieses Netzwerk zu integrieren dürfte zu einer der wichtigsten Aufgaben für die Frauen in Baden-Württemberg gehören.

Esther Peylo

(Dieser Geschichtsrückblick erschien 2012 in der Festschrift des Landesfrauenrats Baden-Württemberg anlässlich des 60jährigen Landesjubiläums als einer der wenigen Beiträge zum Thema Migration und Integration)